2018-01-28 Sadomasochismus — Was ist das

Geschrieben am Saturday, 2002, 20.April. @ 19:35:55 CEST von borderline

Eine kurze Einleitung für Neugierige

Die sadomasochistische Subkultur ist erstmals seit 100 Jahren wieder in der Öffentlichkeit sichtbar. Was ernsthaft Interessierten meist fehlt, sind Hintergrundinformationen — die sollen hier in kurzer, kompakter Form geliefert werden.

Warum „Sadomasochismus“ statt „Sadismus“ oder „Masochismus“?

Weil es einen wesentlichen Unterschied gibt. Sadomasochisten sind eine sexuelle Minderheit, die ihre Spiele unter dem Gebot der absoluten Freiwilligkeit machen. Sadisten und Masochisten sind psychisch kranke Menschen, die sich oder anderen gefährlich werden können.

Warum sind sich die Namen dann so ähnlich?

Das Problem ist geschichtlich bedingt. Die Begriffe Sadismus und Masochismus wurden um 1886 von dem Psychiater Richard von Krafft-Ebing erfunden. Vom Schreibtisch aus definierte er in seinem Mammutwerk Psychopathia sexualis („sexuelle Geisteskrankheiten“) zum ersten Mal die „Perversionen“. Als Gerichtspsychiater sah er damals fast nur solche Leute, die ihm die Polizei brachte: Verbrecher, Geisteskranke, Psychopathen. Menschen, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt kamen und mit ihren Neigungen glücklich und zufrieden waren (die wir heute Sadomasochisten nennen würden), hat Krafft-Ebing kaum zu Gesicht bekommen. Erst als Kinsey Ende 1940 damit anfing, in der Bevölkerung Umfragen zum Sexualverhalten durchzuführen, wurde die Wissenschaft langsam auf die Sadomasochisten aufmerksam.

Was beschreibt den Sadomasochismus?

Sadomasochisten selbst sprechen von safe, sane, and consensual (sicher, mit gesundem Menschenverstand, freiwillig). Der amerikanische Wissenschaftler Weinberg hat von erotic, recreational, and consensual (erotisch, zur Erholung, freiwillig) gesprochen. Der wichtigste Punkt ist bei beiden die unbedingte Freiwilligkeit (Konsensualität) aller Teilnehmer. Da diese Freiwilligkeit sozusagen die goldene Regel des Sadomasochismus ist, spricht man auch von konsensuellem Sadomasochismus.

Woher kommt die sadomasochistische Neigung?

Daß weiß eigentlich keiner, genauso wie noch unbekannt ist, warum einige Leute homosexuell sind. Die alten Vorstellungen über Degenerationen des Gehirns sind von den meisten Wissenschaftlern ebenso aufgegeben worden wie die von Mißhandlungen in der Kindheit — weniger als ein Zehntel der Sadomasochisten gibt an, als Kind mißhandelt worden zu sein. Hin und wieder werden aus Verlegenheit noch die alten Freudschen Vorstellungen angeführt. Es ist auch gut möglich, daß es verschiedene Ursachen gibt. Die neuere Forschung zum Thema SM geht von Soziologen aus, die die Frage ausklammern und einfach von einer gegebenen Grundneigung ausgehen.

Ein großer Teil der Sadomasochisten selbst glauben, daß sie mit ihrer Neigung geboren wurden. Andere verweisen auf Kindheitserlebnisse, während eine dritte Gruppe über einen Partner Kontakt zum Sadomasochismus bekommen hat und dabei geblieben ist. Das Ergebnis ist gleich.

Gibt es eine Grenze zwischen SM und „normalem“ Sex?

Wenn es eine geben sollte, ist sie nicht sonderlich scharf. Da sich der Sadomasochismus im Kopf abspielt, kann jede Form von Sex eine SM-Komponente haben, und sei es nur, daß einer der Partner oben liegt. Kratzer auf dem Rücken oder eine einfache Augenbinde sind eigentlich schon SM, auch wenn das heute keiner mehr so nennen würde. Der Übergang ist also fließend. In den letzten Jahren sind auch mehr und mehr sadomasochistische Praktiken von dem Mainstream wiederentdeckt worden. Damit ist es erst recht unmöglich geworden, zwischen uns und den Vanilles (Nichtsadomasochisten) eine Linie zu ziehen. Der Sadomasochismus ist übrigens nicht „anormaler Sex“, auch wenn er im Westen von einigen noch so dargestellt wird. Vor Krafft-Ebing waren sadomasochistische Praktiken auch im Westen „normal“. Anders gesagt: Die Vorurteile zu SM sind kaum 110 Jahre alt. Außerhalb des Westens, z.B. in Japan, ist der Sadomasochismus ein natürlicher Teil der Sexualität geblieben.

Also sind Sadomasochisten keine Perversen?

Den Begriff der „Perversion“ gibt es schon seit einigen Jahren in der Medizin nicht mehr — er ist der Sensationspresse überlassen worden. Statt dessen spricht man jetzt von Paraphilien „Nebenlieben“ [DSMIV].

Der Sadomasochismus ist keine Paraphilie, und damit auch keine „Perversion“. Die Kriterien, nach denen die Diagnose einer Paraphilie zulässig ist, sind streng und eindeutig nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) festgelegt. Dort steht z.B. auch, wann jemand als schizophren gilt. Seit 1994 gilt international die vierte Auflage (DSM-IV) [DSMIV]. Die Kriterien für Sadismus und Masochismus sind gegenüber dem Vorgänger DSM-III-R so korrigiert worden, daß Sadomasochisten nicht mehr erfaßt werden, wohl aber Sadisten und Masochisten. Die Homosexualität wurde schon in den 80ern ganz gestrichen [suppe].

Es gibt auch kranke Leute?

Natürlich. Wir nennen sie Realsadisten und meiden sie wie die Pest. Und zwar erfolgreich: Der Sexualmediziner Schorsch wies 1982 darauf hin, daß es in der sadomasochistischen Subkultur keine Gewaltverbrecher gibt, weil sie dort nicht toleriert werden. Wetzstein [wetzs] zeigte 1993, daß das bis heute zutrifft.

Unser Problem ist, daß wir ein Jahrhundert lang mit den Kranken in einen Topf geworfen wurden. Das ändert sich zum Glück, aber wie wir finden, nicht schnell genug.

Kann man Formen des Sadomasochismus voneinander abgrenzen?

Nein. Es gibt zwar Bezeichnungen für Leute, die eine Vorliebe für bestimmte Praktiken haben wie Bondager, Submissive oder Flagellanten. Aber genauso wie es kaum rein schwarze oder rein weiße Katzen gibt, gibt es auch kaum Leute, die ausschließlich eine Praktik betreiben. Unter dem Strich sind wir alle einfach Sadomasochisten.

Und es gibt „sadistische Sadomasochisten“ und „masochistische Sadomasochisten“?

So ähnlich. Viele Sadomasochisten nehmen gerne beide Rollen an (das sogenannte Switchen), je nach Lust und Laune. Mehr als die Hälfte der Sadomasochisten switchen mehr oder weniger häufig. Schon deswegen ergibt die alte Einteilung in Sadisten und Masochisten für die meisten Sadomasochisten keinen Sinn. Wie man jetzt die eine oder andere Rolle in einem Spiel nennt, ist von Gruppe zu Gruppe verschieden: einige reden von devot und dominant, andere von S und M oder auch vom aktiven und passiven Partner. Wir benutzten hier ziemlich willkürlich Top und Bottom.

Top und Bottom „spielen“ miteinander?

So nennen wir das, einige sagen dazu auch Session. Nur während eines Spiels erhält der Top Macht über den Bottom, weil sie ihm vom Bottom gegeben wird. Sonst sind beide völlig gleichberechtigt. Es gilt der Spruch: Alle Sadomasochisten sind gleich, nur während des Spiels sind einige gleicher als andere. Im Alltag gehen wir nicht anders miteinander um als andere Menschen auch.

Ein Spiel kann von dem Top oder Bottom durch ein spezielles Codewort (meist „Safeword“ genannt) abgebrochen werden. Das ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme für Notfälle, sondern auch eine der Garantien für die schon besprochene Freiwilligkeit. In den deutschsprachigen Ländern wird als Safeword oft „Mayday“ benutzt.

Brauchen Sadomasochisten Schmerzen zur Befriedigung?

Nein. Sadomasochisten haben eine völlig intakte „normale“ Sexualität, und schlafen auch auf die herkömmliche Art ganz lustvoll miteinander. Der sadomasochistische Anteil ist eine Erweiterung der normalen Sexualität, keine Einschränkung. Das ist auch der Grund, warum Sadomasochisten in der Gesellschaft so „auffällig unauffällig“ sind, selbst wenn sie keinen ähnlich orientierten Partner haben.

Es gibt tatsächlich Sadomasochisten, die eine Vorliebe für Schmerzen haben. Andere Sadomasochisten mögen dagegen lieber Spiele mit der Macht, die der Bottom dem Top für eine begrenzte Zeit und innerhalb fester Grenzen anvertraut. Schmerzen, falls sie überhaupt mitspielen, haben da einen symbolischen Wert [mille].

Ich verstehe nicht, wie das Spaß machen kann. Man könnte jetzt seitenweise über das Wechselspiel zwischen Vertrauen und Verantwortung schreiben, von Hingabe und Annahme, aber erfahrungsgemäß hilft das nicht viel. Glaubt uns einfach, uns macht es Spaß.

Besteht nicht die Gefahr, daß man sich hineinsteigert?

Diese Vorstellung stammt noch aus der Zeit, als man meinte, wer im Bett fessele, müsse ein Axtmörder sein. Sadomasochistische Vorlieben entwickeln sich wie Bäume: Sie wachsen bis zu einer gewissen Höhe, aber nicht weiter. Und genauso wie jeder Baum unterschiedlich hoch wächst, entwickeln sich die sadomasochistischen Vorlieben nur bis zu einem bestimmten, individuell verschiedenen Punkt.

Wie gefährlich ist SM?

Die größte Gefahr besteht für Leute, die im Fernsehen eine Reportage sehen und dann meinen, irgendwas ohne Wissen über die Sicherheitsmaßnahmen ausprobieren zu müssen. Oft genug verletzen sie sich dabei fürchterlich — und wir kriegen den schlechten Ruf. Wenn man die grundlegenden Sicherheitsregeln kennt, ist SM weniger gefährlich als Fußball. Boxen ist unvergleichbar gefährlicher.

Die sadomasochistische Subkultur selbst hat eine wichtige Schutzfunktion, in dem sie Informationen über Sicherheit sammelt und verbreitet. Um bei dem Bild von oben zu bleiben: In einem Wald ist ein Baum besser geschützt. Diese Tatsache ist inzwischen von der Medizin [braeu] wie von der Justiz erkannt worden, ein Grund, warum beide Gruppen davon abraten, sadomasochistischen Vereinen das Leben schwer zu machen. Wir schützen Leben, wenn man uns läßt.

Aus dieser Subkultur sind eine Reihe von Sicherheitshandbüchern hervorgegangen. Bis auf schlechte Übersetzungen amerikanischer Originale war lange Zeit kein solches Buch in deutscher Sprache zu finden. Seit 1996 gibt es ein Buch für die Sadomasochisten in deutschsprachigen Ländern.

Sind Sadomasochisten gewalttätig?

Der Sadomasochismus hat mit Gewalt genauso wenig zu tun wie die Liebe mit einer Vergewaltigung. Gewalt ist niemals freiwillig, niemals erotisch, niemals sicher.

Die Presse wirft euch oft Gewalt vor. Mit der Presse ist das so eine Sache. Neben dem allseits bekannten Mißbrauch des Sadomasochismus als Quotenfänger der Sensationspresse haben wir auch katastrophale Erfahrungen mit der Ehrlichkeit der angeblich seriöseren Medien gemacht, egal, ob öffentlich-rechtlich oder privat. Ein krasses Beispiel war eine Folge von Unter deutschen Dächern [daech], wo der Sadomasochismus zuerst fair dargestellt wurde, aber am Ende doch noch das Klischee des unglücklichen Sadomasochisten hervorgezaubert wurde. Neuerdings versuchen einige Journalisten, uns mit den Satanisten in einen Topf zu werfen….

Es sollte nicht wundern, daß wir inzwischen ziemlich wenig mit Reportern zu tun haben wollen.

Ist SM legal?

Für die meisten Länder gilt, daß sofern sadomasochistische Handlungen dem strafrechtlichen Tatbestand der Körperverletzung entsprechen, sind sie trotz ausdrücklicher Einwilligung des Bottom illegal. Unter Körperverletzung versteht man, wenn die körperliche Unversehrtheit eines/r anderen nicht ganz unerheblich beeinträchtigt wird (z.B. Wunden, länger als zwei Stunden sichtbare Hautrötungen). Nach der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes ist eine Einwilligung zur Körperverletzung aus strafrechtlicher Sicht irrelevant, da eine solche den „guten Sitten“ widerspricht.

In Deutschland werden Sadomasochistische Handlungen durch § 226a StGB [Deutschland] (Körperverletzung mit Einwilligung) abgedeckt, der gleiche Paragraph, der ärztliche Eingriffe regelt. Daß SM zwischen freiwilligen Partnern nicht gegen den Zusatz der „guten Sitten“ verstößt, ist in Urteilen beschlossen und theoretisch begründet worden [sitzm].

Wie steht die Kirche zum Sadomasochismus?

Papsttreue Katholiken haben mit uns ein Problem, weil sadomasochistischer Sex Spaß macht und nicht nur auf die Fortpflanzung ausgerichtet ist. Interessant ist aber, daß es in der Bibel keine Stelle gibt, die etwas gegen den Sadomasochismus sagt. Sprichworte 26,4 kann sogar positiv ausgelegt werden: Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes.

Ist der Marquis de Sade eurer Lieblingsautor?

Eigentlich nicht – schwangeren Frauen glühende Nägel in die Augen zu treiben ist nicht gerade unsere Vorstellung von Erotik. Man darf nicht vergessen, daß es nicht unsere Idee war, de Sade und von Sacher-Masoch zu unseren Namensgebern zu machen. Die Begriffe „Sadismus“ und „Masochismus“ wurden uns von Krafft-Ebing aufgezwungen. Daß man uns nach historischen Personen benannt hat, ist ein Fluch: Alle Welt erwartet, daß wir so sein müssen wie diese beiden „Modellkranken“. Nicht umsonst ist diese Form von Namensgebung in der Medizin eine absolute Rarität: Es heißt ja auch nicht „Leonardismus“ (nach Leonardo da Vinci) sondern Homosexualität.

Über de Sade und seine Philosophie ist soviel geschrieben worden, daß man es hier nicht einmal ansatzweise zusammenfassen kann. Hier soll nur betont werden: Den Namen tragen wir nicht freiwillig, und das ist nicht unsere Standardlektüre. Viel eher findet man in sadomasochistischen Bücherregalen die Geschichte der O von Pauline Réage, Mr. Benson von John Preston oder Coming to Power von SAMOIS.

An der Geschichte der O kann man übrigens schön sehen, wie unterschiedlich unsere Literatur in verschiedenen Ländern behandelt wird: In Frankreich hat sie den Literaturpreis „Deux Magots“ gewonnen, in Deutschland steht sie auf dem Index.

Ich habe gelesen, daß es keine sadomasochistischen Frauen gibt. Auch diese Vorstellung ist durch die Geschichte der Forschung bedingt und auch sie ist überholt. Krafft-Ebing und andere frühe Forscher waren der Meinung, daß die gesamte weibliche Sexualität masochistisch und die gesamte männliche sadistisch wäre. Diese Vorstellung wurde später von Freud übernommen. Da es als unmöglich galt, die normale weibliche Sexualität von einer „krankhaft“ masochistischen zu unterscheiden, wurden nur Männer untersucht. Sadistische Neigungen bei Frauen waren nach Krafft-Ebing ein Zeichen, daß sie eigentlich Lesben seien.

Durch den Aufstieg der Psychoanalyse verfestigten sich diese Vorstellungen. Als Spengler 1974 die erste Untersuchung der sadomasochistischen Subkultur unternahm, bemühte er sich daher auch nicht sonderlich, dort Frauen zu finden, weil ja jeder wußte, daß es sie nicht gäbe. Seine Arbeit war trotzdem bahnbrechend und wurde zur Grundlage für viele weitere Studien, so daß es bis 1985 dauerte, bis es Breslow auffiel, daß es eigentlich jede Menge sadomasochistischer Frauen gibt. Levitt konnte das 1994 bestätigen.

Derartige Schnitzer sind einer der Gründe, warum viele Sadomasochisten Probleme damit haben, wissenschaftliche Theorien über den Sadomasochismus wirklich ernst zu nehmen.

Alice Schwarzer behauptet auch, daß es nur Männer wären Alice Schwarzer und EMMA mußten jahrzehntelang gegen das Vorurteil der Freudianer kämpfen, daß alle Frauen Masochistinnen seien. Wenn man bedenkt, welche Rolle solche Theorien bei Vergewaltigungsprozessen gespielt haben, ist Alice Schwarzers Ausspruch verständlich, es gäbe gar keine weiblichen Masochisten [geiss]. Wir sind übrigens die Ersten, die ihr zustimmen, daß die psychoanalytischen Vorstellungen über den weiblichen Masochismus auf die Müllkippe der Geschichte gehören.

Hier geht es aber nicht um Masochistinnen, sondern um Sadomasochistinnen. Es gibt inzwischen keinen Mangel an Frauen, die offen zu ihren Neigungen stehen, z.B. in der Populärpresse Sina-Aline Geißler oder schon 1982 Maria Marcus, in der Musikbranche Grace Jones und natürlich Madonna. Feministinnen wie Pat Califia gehören seit über 20 Jahren zu den wichtigsten Vordenkern des Sadomasochismus und haben eine zentrale Rolle dabei gespielt, die nichtkommerzielle Subkultur überhaupt aus der Taufe zu heben.

Wir bedauern, daß EMMA und Alice Schwarzer weiterhin weibliche Sadomasochistinnen als „Kollaborateure“ im „Krieg mit dem Feind“ sehen. Unserer Meinung nach geht diese Haltung zu lasten solcher Frauen, die es als Mitglieder einer sexuellen Minderheit in der Gesellschaft eh besonders schwer haben.

Welche Rolle haben Frauen denn in der Subkultur?

Keine andere als die Männer auch. Es gibt welche, die lieber Top sind, andere sind lieber Bottom und ein großer Prozentsatz „switcht“ zwischen den Rollen. Es gibt tatsächlich in den Vereinen weniger Frauen als Männer, was nach den oben beschriebenen Einflüssen nicht weiter wundert. Frauen übernehmen tragende Rollen im Vorstand oder gehören zu den Gründungsmitgliedern. In vielen Vereinen gibt es eigene Gesprächskreise und, wo möglich, an den Telefonen weibliche Ansprechpersonen. Dieser hohe Grad der Gleichberechtigung ist etwas, auf das wir sehr stolz sind.

Was ist mit den Dominas?

Man kann zwei Formen des Sadomasochismus unterscheiden: Die nichtkommerzielle sadomasochistische Subkultur (das sind wir) und die kommerzielle „Domina“-Szene.

Die kommerzielle Szene besteht aus Einzelpersonen oder Studios, die SM für Geld ausüben, sprich, eine Form der Prostitution betreiben. Viele Dominas haben selbst keine sadomasochistischen Neigungen, sondern üben einen Beruf aus [braeu]. Daneben und von der Größe her zunehmend gibt es die nichtkommerziellen Gruppen mit verschiedenen Zielsetzungen. Die ältesten dieser Vereine sind in den USA, bestehen seit über 25 Jahren und haben bis zu viertausend Mitglieder. In Deutschland wurden die meisten dieser Gruppen in den späten 80ern gegründet und sind (noch) ein Stück kleiner.

Von der nichtkommerziellen Subkultur etwas über Dominas wissen zu wollen ist etwa so, als würde man seinen Milchmann nach Keksen fragen. Viel Kontakt haben wir im Allgemeinen nicht miteinander.

Wie sind diese SM-Gruppen aufgebaut?

Der Aufbau von nichtkommerziellen SM-Gruppen reicht von Stammtischen in Kneipen bis hin zu amtlich eingetragenen Vereinen („e.V.’s“) mit eigenen Büros, die nicht viel anders aufgebaut sind als z.B. ein Taubenzuchtverein. Alles ziemlich unspektakulär. Wer subversive Treffen in finsteren Gewölben erwartet, den müssen wir leider enttäuschen.

Und da kann man einfach so hingehen? Warum nicht. Weder Justiz noch Medizin wollen uns etwas Böses, also besteht wenig Grund, Geheimbund zu spielen. In solchen Gruppen ist von Architekten bis Zahnarzthelferinnen alles zu finden. Das einzige, was man mitbringen muß, ist eine ehrliche Neugierde. Und egal was man die letzten hundertzehn Jahre von uns behauptet hat, wir fressen niemanden auf. Jedenfalls nicht so schnell….

Kann ich da auch einen Partner finden?

Ganz deutlich: Sadomasochistische Gruppen sind keine Sexclubs oder Partnervermittlungsinstitute. Es geht um die sozialen Belange einer sexuellen Minderheit. Gut, auch da kann man die Liebe fürs Leben treffen — aber das kann man auch in besagten Taubenzuchtvereinen.

Nehmen wir an, ich wäre neugierig. Wo würde ich eine solche Gruppe finden? In jeder größeren Stadt gibt es inzwischen eine sadomasochistische Gruppe, man muß sie nur etwas suchen. Viele inserieren in den größeren SM-Zeitschriften wie den „Schlagzeilen“; teilweise inserieren sie in den regionalen Zeitschriften, in denen auch Konzerte etc. angekündigt werden. Am Ende dieses Textes [Schlagzeilen] ist die Adresse einer Gruppenliste angegeben.

Die Gruppen sind Neugierige und Neulinge gewöhnt, es ist also nicht so, daß man wie das neueste Exemplar aus dem Zoo angestarrt wird. Schließlich war jeder dort auch einmal in der gleichen Situation.

Eigentlich bin ich schüchtern…… Viele Gruppen haben Telefone, die von netten Sadomasochistinnen und Sadomasochisten betreut werden, die viel Erfahrung mit den unmöglichsten Fragen haben. Da kann man ganz unverbindlich anrufen und auch anonym mit dem Mann oder der Frau am anderen Ende reden.

Ich bin sehr schüchtern. Gibt es keine Bücher?

Schon, aber: Die besten Bücher stammen zur Zeit aus den USA, sind auf englisch und schon deswegen schwer zu kriegen. Einzige Ausnahme dazu ist das [SM-Handbuch] von Grimme, das einen guten Einstieg in Sicherheit, Praktiken und Denkweisen gibt [grimm]. Viele der anderen deutschsprachigen Bücher geben eine zu persönliche oder geschichtlich überholte Sicht des Sadomasochismus wieder.

Neben dem [SM-Handbuch] ist sicherlich Screw the Roses, Send Me the Thorns eins der besten Bücher, das dazu mit einer großen Portion Humor geschrieben wurde. Generell zu empfehlen sind die Bücher von Pat Califia. Die beste wissenschaftliche Darstellung auf deutsch ist z.Z. Szenen und Rituale, auch wenn die kommerzielle und nichtkommerzielle Subkultur nicht genügend getrennt werden. Einen vielseitigen Einblick in den schwulen Sadomasochismus findet sich in Lederlust. Und einen Überblick über die Geschichte der Forschung findet man in Sadomasochismus von Weinberg. Keines dieser Bücher kann allerdings einen Anruf oder einen egal wie kurzen Besuch ersetzen — die eigene Meinung ist schließlich immer noch die beste.

© Prollboss@gmx.net, 2002, 25. April

 

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